Selbstständige
Schule NRW
Erfahrungsbericht der Schulischen
Steuergruppe
des Hans-Böckler-Berufskollegs
zum Modellprojekt
Der Einstieg in das Projekt - Vorteilssuche
Das Hans-Böckler-Berufskolleg hat sich 2002 mit jeweils großer
Mehrheit in Lehrer- und Schulkonferenz für die Teilnahme am Modellprojekt
„Selbstständige Schule“ ausgesprochen.
Nach intensiver Auseinandersetzung mit den Projektzielen
waren die Aussicht auf Kapitalisierung freier, nicht besetzbarer Lehrerstellen,
vor allem aber die Ausrichtung des Projektes auf die Verbesserung von
Unterricht ausschlaggebende Argumente für die Teilnahme am Modellprojekt.
Denn nach der erfolgreichen Umgestaltung unserer schulischen Organisationsstrukturen
hin zu mehr Teamarbeit in Kollegium und Unterricht war es folgerichtig,
diese Strukturen für die Unterrichtsentwicklung zu nutzen.
Der Begriff Unterrichtsentwicklung umfasst am Hans-Böckler-Berufskolleg
vor allem die folgenden Arbeitsfelder:
• Weiterentwicklung existierender Unterrichtskonzepte im Zuge der
Neuordnung nahezu aller Bildungsgänge
• Einrichtung neuer Bildungsgänge, wie zum Beispiel der Berufsfachschule
• Notwendige Anpassung an die sich verändernden Anforderungen
professioneller Aus- und Weiterbildung. Zum Beispiel Förderung von
Selbstlernkonzepten, Qualifizierungsbausteinen und Zertifizierung von
Schülerleistungen
• Erhöhung der Chancen für Jugendliche mit besonderem
Förderbedarf durch Intensivierung der Schulsozialarbeit und durch
Konzeptentwicklung zur Sprachförderung etc.
• In diesem Zusammenhang auch „Personalentwicklung“,
Schaffung bzw. Bereitstellung spezieller Kompetenzen und Förderung
der Eigenverantwortung in den Lehrerteams
• Verbesserung der unterrichtlichen Rahmenbedingungen
• Zeitliche und inhaltliche Optimierung von Unterrichtsvertretungen
und dadurch Reduzierung von Unterrichtsausfall.
Vorteile durch mehr Autonomie und bessere finanzielle Ausstattung
von Schule
Die bereits im Zuge der Entscheidung für das Projekt erkannten Möglichkeiten
größerer Autonomie in schulischen Belangen haben sich weitestgehend
bestätigt. Hier sind unter anderem zu nennen:
• die Möglichkeit, freie, nicht besetzbare Lehrerstellen zu
kapitalisieren und durch die Schule selber zu bewirtschaften. Diese Mittel
werden bei uns unter anderem zur Sicherung und Ausweitung der Schulsozialarbeit,
mithin zur Verbesserung von Rahmenbedingungen verwendet. Darüber
hinaus werden diese Mittel aber auch für zusätzlichen Lehrerbedarf
in Klassen mit Jugendlichen mit besonderem Förderbedarf eingesetzt,
zum Beispiel für die Sprachförderung, für pädagogische
Seminare zur Förderung der Persönlichkeit oder der Berufswahlvorbereitung.
Ein geringerer Teil der Projektmittel fließt in Sachmittel zur Durchführung
solcher Unterrichtsvorhaben.
Projekt „Kanubau“ und Stapellauf am Fühlinger
See
• die Verlagerung von Personalentscheidungen in die
Hände der Schule ermöglicht es uns, im Sinne der Unterrichtsentwicklung
gezielt absehbaren Bedarf zu decken, aber auch flexibel zum Beispiel auf
plötzlichen Vertretungsbedarf reagieren zu können
• ein von der Schule selber verwaltetes Fortbildungsbudget, das
unter anderem gezielt für Fortbildungsangebote zu den Themen Methodenschulung,
Kommunikationstraining, Teamentwicklung im Klassenraum und Fachfortbildung
in neuen Technologien eingesetzt wird
• die Auswahl aus dem speziellen Fortbildungsangebot des Modells,
das bereits genutzt wurde zu Themen wie neue Steuerungsinstrumente, Evaluation,
neue Formen des Lehrens und Lernens, Methodentraining oder Förderung
der Lesekompetenz
• der pädagogischer Handlungsspielraum, den das Modell bietet,
zum Beispiel bei der Gestaltung von Stundentafeln, Organisation des Unterrichts
oder Ausgestaltung von Leistungsnachweisen. Hier entwickeln und erproben
wir Unterrichtskonzepte wie die „Sprachförderung“, die
Einbeziehung von zusätzlichen Praxiseinheiten zum Beispiel im Bildungsgang
der Berufsfachschule sowie die Zertifizierung von Schülerleistungen
(zum Beispiel Qualifizierungsbausteine, ECDL-Führerschein, EU-Fremdsprachenzertifikat,
Gabelstapler-Führerschein)
• Synergien durch den Erfahrungsaustausch auf regionaler Ebene mit
beteiligten Schulen, der Schulaufsicht und dem Schulträger
• Entlastungsstunden für Entwicklungs- und Steuerungsaufgaben
• und nicht zuletzt kürzere und damit effizientere Entscheidungswege.
„Selbstständigkeit“ will gelernt sein
Die erhaltenen Entscheidungsräume verlangten von allen Beteiligten
ein Umdenken sowie neue schulinterne Strukturen und erfordern auch nach
drei Jahren noch viel Lernbereitschaft. Diese wird unterstützt durch
das modellspezifische Fortbildungsangebot. Insbesondere für die erweiterte
Schulleitung verändert sich das Stellenprofil durch die Projektteilnahme.
Für die neuen Aufgaben werden die Schulleitung, die Schulische Steuergruppe,
der innerschulische Personalrat etc. durch ein umfangreiches Fortbildungsprogramm
qualifiziert. Themenfelder der Fortbildungen sind zum Beispiel:
• Personalmanagement und personalrechtliche Rahmenbedingungen
• Organisationsmanagement und Budgetierung
• Unterrichtsentwicklung
• Evaluation.
Die Positionierung der Schulischen Steuerungsgruppe für
eine effektive Koordination vereinbarter Entwicklungsvorhaben und Schaffung
von Transparenz, war anfänglich problematisch, ist mittlerweile aber
vollzogen. Zu den Aufgaben der Steuerungsgruppe zählen heute:
• Initiierung, Unterstützung und Steuerung notwendiger Schulentwicklungsprozesse
• Gewichtung von Entwicklungsvorhaben
• Interne Evaluation von Arbeits- und Entwicklungsprozessen
• Transparenz von Entwicklungsprozessen und deren Ergebnissen
• Vernetzung der schulischen Arbeitsgruppen und Bildungsgänge
• Erarbeitung einer Fortbildungsplanung.
Das Kollegium nutzt die im Rahmen des Modells angebotene Fortbildungen,
um Schwerpunkte, die der gewonnene pädagogische Spielraum bietet,
nutzen zu können. Angemessene Entscheidungsspielräume, funktionierende
Teamarbeit sowie die nun mehr und mehr fruchtenden Verbesserungen der
unterrichtlichen Rahmenbedingungen, führen zu einem spürbaren
Motivationsschub und zu zunehmender Eigeninitiative.
Und schließlich entwickelt sich in zunehmendem Maße
eine durch das Modell angestoßene und im Hans-Böckler-Berufskolleg
stark geförderte Evaluationskultur, aus der Erkenntnis heraus, dass
Evaluation kein Kontrollmittel, sondern ein echtes Instrument zur Initiierung
und Fortschreibung wirkungsvoller Veränderungen ist. Sehr hilfreich
war hier die durch die regionale Steuergruppe koordinierte Qualifizierung
von Evaluationsberaterinnen und beratern.
Zwischenbilanz und Denkanstöße – Auf dem richtigen
Weg
Die durch das Modellprojekt eröffneten pädagogischen, administrativen
und finanziellen Handlungsfreiräume setzen den mittlerweile selbstverständlichen
Rahmen für die Arbeit in Leitung, Kollegium und Unterricht am Hans-Böckler-Berufskolleg.
Feste Bestandteile unserer Arbeit sind neben anderen:
• die Wahrnehmung der Dienstvorgesetztenfunktion durch den Schulleiter,
• die Personalakquisition in den Händen der Schule,
• die schulische Steuergruppe,
• und Evaluationsprozesse in Klassenraum und Lehrerzimmer zur Begleitung
der Unterrichtsentwicklung.
Die kurzen und bedarfsgerechten Entscheidungswege in den
Bereichen Finanz- und Personalplanung, die pädagogischen Handlungsspielräume
für mehr Eigenverantwortung in der schulischen Arbeit, vor allem
aber den hieraus resultierenden Motivationsschub erleben wir als innerschulische
Vorteile des Modells.
Wir sehen uns in einen zukunftsweisenden Prozess eingebunden,
den es weiter zu entwickeln gilt, in der Schule, aber auch im Modellprojekt
selber.
Überdenkenswert sind aus unserer Sicht hierbei folgende Punkte:
• Nennenswerte finanzielle Handlungsspielräume sind an die
Kapitalisierung freier, nicht besetzbarer Lehrerstellen gebunden. Diese
Situation kann sich von einem Schuljahr zum anderen ändern, was wiederum
eine mittel- und langfristige Investitionsplanung für schulische
Entwicklungsvorhaben erschwert.
• Eine langfristige Investitionsplanung im Bereich der Sachmittel
sowie eine bedarfsgerechtere Beschaffung wären darüber hinaus
in Bezug auf den Verwaltungs- und Vermögenshaushalt wünschenswert.
Als Vorbild kann hierbei die Praxis mit dem schulischen Fortbildungsbudget
herangezogen werden.
• Das Planungsbudget für die Beschäftigung von Vertretungslehrern
ist zu knapp bemessen, wenngleich sich die Planungssituation durch die
Bekanntgabe des schulspezifischen Stellenplans bereits im Mai jeden Jahres
insgesamt verbessert hat.
• Analog zum Stellenplan sollte für mehr Transparenz bei der
Zuweisung von Beförderungsstellen gesorgt werden.
Köln, 15.02.2006
Strehle/Nöthen
Mitglieder der schulischen Steuergruppe
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